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Von der Schulbank an die Werkbank:

Hüseyin steht an der Werkbank und schwitzt. Ein Metallrohr zu zersägen, erfordert ziemlich viel Kraft. Und Krach macht es auch.


Von Florian Krins

Hamburg (dpa) - «Hüseyin, du sollst das Rohr nicht umbringen! Mit weniger Druck geht es leichter!» ruft Matthias Herpe. Er ist Lehrer an der Grund- und Hauptschule Slomanstieg im Hamburger Stadtteil Veddel. Eigentlich unterrichtet er Physik. Seit September vergangenen Jahres wechselt er jedoch jeden Mittwoch seinen Arbeitsplatz: Denn mittwochs ist «Praxislerntag». In den Räumen der Norddeutschen Affinerie leitet Herpe die Schüler der achten Klasse in der Metallverarbeitung an.

Fünf Mädchen und 13 Jungen in blauen Kitteln und Sicherheitsschuhen stehen an den Werkbänken, hämmern, sägen, bohren und biegen Draht. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahren alt und fertigen ein Teelicht aus Metall.

Hüseyin hat das Metallrohr inzwischen in zwei Teile zersägt. «Hier ist es besser als im Unterricht, man hat einfach mehr zu tun», sagt der 13-Jährige und wendet sich dann fachmännisch seinem Nachbarn zu. «Du musst das M6- Gewinde nehmen, M8 passt nicht!»

Einmal in der Woche von der Schulbank an die Werkbank zu wechseln und dort ein Jahr lang den Arbeitsalltag eines Betriebes kennen zu lernen, das ist das Ziel des Praxislerntages. «Es ist eine neue Form des Praktikums», erzählt Hiltrud Kneuer, die Leiterin der Schule Slomanstieg. «Bisher sind unsere Schüler für drei Wochen im Block in einen Betrieb gegangen und wurden danach von den Lehrern wieder unter die Fittiche genommen. Der Praxislerntag fördert Durchhaltevermögen und Kontinuität und soll auch eine Perspektive für das spätere Berufsleben bieten». Perspektiven sind bitter nötig auf der Veddel.

Der Stadtteil auf einer Elbinsel im Süden Hamburgs gilt als sozialer Brennpunkt. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über dem Hamburger Durchschnitt. 65 Prozent der Einwohner sind Zuwanderer, die Schule Slomanstieg besuchen 80 Prozent ausländische Schüler.

Hüseyins Jahrgang ist der Dritte, der in den Räumen des Kupferproduzenten Arbeitserfahrung sammeln kann. «Der Praxislerntag bietet auch für uns Vorteile», berichtet Ausbilder Klaus Maselkowski von der Affinerie. «Wir führen die Schüler behutsam an die Arbeitswelt heran und treffen einige vielleicht später als Auszubildende wieder. Denn ohne qualifizierte Mitarbeiter kann die

Affinerie nicht weiter existieren.» Wichtig für das Unternehmen sei auch, die potenziellen Azubis über den Zeitraum eines Jahres kennen zu lernen.

Zwei Schüler haben seit Beginn des Projektes eine Lehrstelle in dem Unternehmen bekommen. Das freut besonders Schulleiterin Kneuer.

Vor Beginn der Zusammenarbeit mit der Norddeutschen Affinerie lag die

Quote derjenigen, die direkt im Anschluss an die Schule einen Ausbildungsplatz fanden, oftmals bei Null Prozent. Kneuer hat beobachtet, dass die jungen Leute nach Abschluss des Praxislerntages reifer und selbstbewusster sind. «Sie merken, dass sie auch mit einem Hauptschulabschluss etwas erreichen können.» Das Zeugnis, das die Schüler nach dem Abschluss des Lerntages bekommen, sei ein Pluspunkt bei späteren Bewerbungen. «Wir haben einen langen Weg vor uns», resümiert die Schulleiterin. «Aber der Anfang ist gemacht!»



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(Änderungsdatum: 24.11.11)